Miteinander reden!

Familie M.

Der Vater betreibt eine florierende Möbelschreinerei, die Mutter führt das Büro, die beiden Söhne besuchen die Realschule. Im Haus lebt noch die demente Mutter der Frau.

Die fortwährende Überlastung im Alltag führt zu einer dauerhaft gereizten Stimmung in der Familie, die durch die ständigen Aufregungen, die von der alten Frau verursacht werden, noch gesteigert wird.

Frau M. weiß, daß sie sich um ihren älteren Sohn Jan, der ausgeprägte Schulprobleme hat, nicht genügend kümmert. Über ihr deshalb chronisch schlechtes Gewissen spricht sie nie; in einer Art Übersprungshandlung ermahnt sie stattdessen ihren Sohn fast täglich, er möge mehr üben und fleißiger lernen.

Je nach Verlauf des Arbeitstages kommt es sogar zu einem Wutausbruch, wenn Jan - der im Haushalt eine Reihe Verpflichtungen übernommen hat - zum Beispiel eine Tasse in der Spülmaschine vergißt. Daraufhin geht Jan seiner Mutter aus dem Weg und man spricht tagelang nicht mehr miteinander. Es gibt kein Wort der Aufklärung oder Entschuldigung. Originalton Jan: “Wir reden möglichst gar nicht miteinander, dann gibt es wenigstens keinen Streit.” Sprachlosigkeit als Mittel der Konfliktbewältigung.

In einem Gespräch mit Frau M. bringe ich sie zur Einsicht, welche Konsequenzen es für ihre Familie hat, wenn die - scheinbar ausweglose - Situation nicht geändert wird: Ihre alte Mutter wird voraussichtlich noch lange leben, während Jan schon in wenigen Jahren aus dem Haus gehen und zeitlebens eine gereizte, ungerechte und verschlossene Mutter in Erinnerung behalten wird! Dieser Zusammenhang ist Frau M. noch nie bewußt geworden!

Sie alleine kann eine Änderung herbeiführen! Sie kann ihrem Sohn in einem offenen Gespräch den Zwiespalt zwischen dem Verantwortungsgefühl für die hilflose Mutter und den Sorgen um das eigene Kind schildern und dabei ihre Hilflosigkeit zugeben, die sie wütend und sprachlos gemacht hat.

Heute ist die alte Frau in einem Pflegeheim, wird ein paar Mal in der Woche von ihrer Tochter besucht , und Mutter und Sohn sind bereits wieder auf dem besten Weg zu einem unverkrampften Verhältnis.



Familie R.

Frau R. sitzt mit ihren drei Söhnen im Teenageralter mittags alleine am Tisch, ihr Mann arbeitet auswärts. Keiner spricht, und wenn die Mutter fragt, wie es in der Schule war, bekommt sie tagtäglich die stereotype Antwort: Wie immer! Am Wochenende, mit ihrem Mann, ist die Tischrunde genauso wenig gesprächsbereit. Wer fertig gegessen hat steht schweigend auf, stellt den Teller in die Spüle und geht seinen Interessen nach.

Die Mutter ist eine sensible, gefühlvolle Frau und leidet unter der Situation, findet jedoch selbst keinen Weg aus der Schweigsamkeit.

Einer der Söhne, Lukas, ist wegen sprachlich bedingter Schulprobleme bei mir: Englisch und Deutsch. Meine Ansätze zu Gesprächen werden anfangs nur sehr wortkarg erwidert. Es stellt sich heraus, daß er aktiver und erfolgreicher Sportler ist - und hier spricht er endlich richtig an. Als Laie fällt es mir nicht schwer, ihn mit solchen Fragen aus der Reserve zu locken, bei denen er mir ausführliche Erklärungen geben muß. Und da meine Anteilnahme offensichtlich ehrlich ist, ich mir nach Möglichkeit alles merke, um mich das nächste Mal darauf beziehen zu können, wird er spürbar lockerer.

Wenn sich während des Unterrichts eine Gelegenheit ergibt, flechte ich Erlebnisse aus meiner eigenen Schulzeit ein, berichte von Erlebnissen mit unseren beiden Hunden oder frage nach seinen Wochenend-Beschäftigungen.

Nach vier Wochen ist das Eis endgültig gebrochen, und wir unterhalten uns wie alte Bekannte, selbst über Mädchen, was ich - bei einem Jungen seines Alters - als echten Vertrauensbeweis auffasse. Da zwangsläufig nur ein kleiner Teil der Stunden für solche auflockernden Gespräche vorgesehen sein kann, muß ich ihn immer wieder bitten, mir den Rest das nächste Mal zu erzählen.

Von der Mutter kommt nach wenigen Wochen eine sehr positive Rückmeldung, Lukas sei ganz verändert, offen, mitteilungsbedürftig, sie sei sehr glücklich darüber. Ich rate ihr, künftig nicht mehr allgemein nach der Schule zu fragen, sondern sich konkret nach Begebenheiten in einzelnen Fächern zu erkundigen, um Lukas ihr ernsthaftes Interesse zu vermitteln. Dieser Schuß geht allerdings buchstäblich nach hinten los! Ohne nähere Erklärung für dieses “verdächtige” Interesse an schulischen Details zu bekommen, reagiert Lukas mißtrauisch auf die vermeintlichen Kontrollfragen: “Laß mich in Ruhe, frag’ nicht so viel, du nervst!”

In der nächsten Stunde rücke ich die Verhältnisse wieder zurecht und erkläre ihm die Absicht seiner Mutter, ein offenes, unverkrampftes Verhältnis zu ihm aufzubauen, zu dem auch gehöre, sich ohne Hintergedanken nach seinem schulischen Alltag zu erkundigen. Meine Erläuterungen scheinen ausgereicht zu haben, das Eis ist und bleibt gebrochen: Nach einer Klassenfahrt begrüßt er seine Mutter auf dem Bahnhof vor allen anderen mit einer Umarmung und einem Kuß! Glücklicherweise gelingt es Frau R., ihre Reaktion auf die unerwartete, spontane Geste ihres Sohnes zu verbergen: Tränen. Schließlich möchte sie nicht wieder Anlaß für eine Bemerkung geben wie: Mutter, Du nervst. Das soll endgültig der Vergangenheit angehören.